Die Rückkehr


Wien, Heldenplatz. Der aus dem Urlaub zurückgekehrte Minister steht auf einem großen Sprecherpodest. Vor ihm ist ein ganzer Wald von Mikrophonen und Fernsehkameras. Hinter ihm steht sein Kabinettschef. In 5 Meter Abstand befindet sich
vor dem Podest eine polizeiliche Absperrung, dahinter stehen etwa 20 Jugendliche, adrett und fein gekleidet. Sie halten Tafeln mit dem Namen des Ministers und selbst gemalten Herzen hoch. Die Jugendlichen brechen immer wieder in Jubelrufe aus.

Der Minister:
“Am ersten Tag nach der Katastrophe habe ich eigenhändig die Wände meines Hotels neu errichtet. Mittels Videoübertragung habe ich gleichzeitig als Gast an der Kabinettssitzung der örtlichen Regierung teilgenommen, und über Wirkung und Herstellung eines Nulldefizits auch in Krisenzeiten referiert. Das Sprechen während der harten körperlichen Arbeit ist mir dabei immer leicht gefallen.”

Rufe aus dem Publikum:
“Bravo! Hoch lebe er! Bitte heirate mich!”

Der Minister:
“Am nächsten Tag habe ich in meinem unvergleichlichen Großmut auf einen Platz im Flugzeug verzichtet, schließlich hat mich die Regierung des Landes händeringend um meine weitere Anwesenheit gebeten. Und so habe ich in den folgenden Tagen die Swimming-Pools gereinigt, das Trinkwasser regeneriert, Kirchen und Moscheen errichtet, Frieden zwischen den verfeindeten Bürgerkriegs-Parteien gestiftet, und eine nachhaltige Steuerreform für den gesamten asiatischen Raum eingeührt.”

Heisere Rufe aus dem Publikum:
“Bravo! Braaaavoooo! Du bist mein Held!”

Der Kabinettschef wirft Autogrammkarten des Ministers in Richtung des jugendlichen Publikums. Beim Versuch, die Karten zu erhaschen, stossen einige Jugendliche zusammen. Mädchen fallen in Ohnmacht, Seidentücher lösen sich und flattern mit dem Wind davon. Fiakerpferde am nahe gelegenen Standplatz wiehern und stossen mit den Hufen aus. Die Polizei fordert Verstärkung an.

Vorbeigehende Passanten schütteln den Kopf. Einer der Passanten murmelt immer wieder: “250.000 Euro”. Tränen rinnen über sein Gesicht.

Vorhang.


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Kommentare

2 Antworten zu „Die Rückkehr“

  1. Heinz

    Oder waren’s gar 283.000,-?

  2. […] man sich erinnert, hat auch das Finanzministerium seinem damaligen Chef, KHG, in der “Homepage”-Affäre mit schönen Argumenten bescheinigt, dass die Versteuerung […]

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